Die Bogensportlerinnen: Hannah und Marie Grasser (Juni 2026)

Die Bogensportlerinnen: Hannah und Marie Grasser (Juni 2026)

Beim Anblick eines Bogens denken Ältere an Robin Hood, Jüngere eher an die Disney-Prinzessin Merida. Und Leistungssport wird häufig mit Leichtathletik, Turnen oder Schwimmen assoziiert. Doch auch der kundige Umgang mit einem rund drei Kilo schweren Recurvebogen kann den Weg aufs Siegertreppchen befördern, wie die Achtklässlerinnen Marie und Hannah Grasser beweisen.

Beide gehören bayernweit zu den Besten ihrer Altersklasse - Mädchen und Jungen gemeinsam betrachtet. Denn bei Mannschaftswettkämpfen wird in Mixed Teams angetreten.

Was als Hobby begann, hat die 14-jährigen Zwillinge innerhalb weniger Jahre ins Landeskader des Freistaats katapultiert und für Hannah bereits zu einem Medaillenregen geführt. Seit 2024 wurde sie in Halle und Freiluft Meisterin und Vizemeisterin bei bayerischen und deutschen Wettbewerben. Dass die 20 Minuten ältere Marie noch nicht so viele Titel ihr Eigen nennt, liegt unter anderem daran, dass sie aufgrund eines Armbruchs erst später in den Kader berufen wurde.

Womit gleich eine Begleiterscheinung des Lebens als Leistungssportlerinnen zur Sprache kommt: die Einschränkungen bei der Freizeitgestaltung. Verbote gäbe es zwar nicht, aber Empfehlungen, so Mutter Doris Grasser. Also kein Reiten oder Skifahren mehr. Und selbst eine Geburtstagsfeier in der Trampolinhalle sei keine gute Idee. „Eine Verletzung kann dich eine oder gar zwei Saisons zurückwerfen.“ Zum Glück hätten ihre Töchter „ganz tolle Freundinnen, die darauf stets Rücksicht nehmen.“

Keine Selbstverständlichkeit, denn Training und Turniere kosten Zeit. Da bleibt nicht mehr viel, um mit anderen abzuhängen oder mal ins Kino zu gehen. Den beiden Mädchen ist es das aber wert, das ist deutlich zu spüren. Zumal man irgendwann, wie Marie bemerkt, die Trainingsgruppe „öfter sehe als Oma und Opa.“ Dann sei es wie Familie, man freue sich auf das Treffen. Und Hannah ergänzt: Bei Turnierreisen quer durch Deutschland fühle man sich „fast wie auf Klassenfahrt.“

Die Mutter hingegen bringt es so auf den Punkt: „Willst du den Sport nicht nur hobbymäßig machen, musst du ganz und gar dahinterstehen.“

Das schließt auch den finanziellen Aufwand ein: Rund 2000 bis 2500 Euro müsse man für einen Bogen plus Ständer, Koffer und Schutzausrüstung ausgeben, dazu Geld für Fahrten und Lehrgänge. Da brauche es schon Sponsoring.

Die Eltern sind als „Teil der Bogenfamilie“ fast immer dabei - im BSG Ebersberg engagieren sie sich ganz selbstverständlich im Vereinsleben. Das kennen sie schon, schließlich war Vater Michael Grasser zwölf Jahre lang stellvertretender Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Eglharting. „Jetzt ist die Zeit von den Kindern.“

Die aber, und das sei das Schöne an diesem Sport, von ihrem Engagement auch auf vielen anderen Ebenen profitieren. „Du lernst, dich zu konzentrieren, den Fokus auf eine Sache zu setzen und nicht fünf gleichzeitig“, weiß Marie. Hannah wiederum sagt, das Selbstbewusstsein wachse mit dem Erfolg – aber man müsse auch auf dem Boden bleiben. „Und wenn du einen schlechten Pfeil hast, musst du einfach weitermachen.“

Denn so ein Wettkampf sei eben immer eine Momentaufnahme – Wind und Lichtverhältnisse spielten eine ebenso große Rolle wie die eigene Tagesform. Außerdem müsse man sich für den Kader jedes Jahr wieder aufs Neue qualifizieren.

Neben bei Wettbewerben erreichten Ringzahlen gehören dazu auch athletische Werte aus den Bereichen Ausdauer und Kraft. Bei gespanntem Bogen liegen rund 14 Kilo Gewicht auf den Fingern. Der einseitige Unterarmstütz – „da entsteht ähnlicher Druck wie beim Schießen“ - gehöre daher neben Joggen und Liegestützen immer zum Programm. Ebenso Training an Fitness-Geräten. Die stehen im Keller. „Als es so richtig losging mit den Wettbewerben, waren wir zwölf. Da nimmt dich kein Studio.“

Was das Gespräch auf einen Mythos bringt, mit dem Hannah energisch aufräumt: „Viele glauben, weil man Kraft braucht, seien Jungs automatisch besser. Das stimmt nicht.“ Ihre Leistung übertreffe meist die ihrer männlichen Teamkollegen. Aber natürlich müsse man hart dafür arbeiten.

Was ist nun der nächste Schritt? Sobald Marie und Hannah die Jugendklasse erreichen, also im Sommer 2027, hoffentlich der Eintritt in die Nationalmannschaft. Dann könnten sie sich für die Europameisterschaft qualifizieren.

Und perspektivisch? Schön wäre es schon, das zum Beruf zu machen. „Doch in Deutschland gibt es wahrscheinlich keinen, der davon leben kann“, meinen die jungen Expertinnen. Anders in USA und Korea, Sitz großer Bogenmarken, wo der Sport weit populärer und teilweise sogar Schulfach sei.

Für die Eltern ist es zuweilen nicht ganz einfach – schließlich gibt es neben den Mannschafts- auch Einzelwettkämpfe. „Wenn eine gut ist, freut man sich mit ihr und leidet gleichzeitig mit der anderen.“ Und wie ist das für die Schwestern? Dazu Marie: „Sobald es knapp wird, schenkt man sich nix mehr – aber wenn eine von uns mit der Mannschaft gewinnt, gewinnen wir beide.“

Am Muttertag wurde Hannah Gaumeisterin und Marie Vize. Wenn die beiden so weitermachen, ist durchaus damit zu rechnen, dass ab 2027, wenn der Weg frei ist fürs internationale Parkett, nicht nur in der Gemeinde Kirchseeon „Leistungssport Bogenschießen“ direkt mit Hannah und Marie Grasser verknüpft wird. Zumal deren ganz großer Traum natürlich dieser ist: Olympia.

 

Text: Michaela Pelz i.A. des Marktes Kirchseeon
Foto: Jarmila Hajek

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