Menschen in Kirchseeon

Margarete Barthelmes und Anna Faul (Oktober 2026)


Margarete Barthelmes und Anna Faul (Oktober 2026)
Mutter-Tochter-Aktivitäten sind nicht nur beliebte Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke, ein gemeinsamer Shopping-Ausflug oder das Wellness Wochenende für zwei schaffen überdies oft unvergessliche Erinnerungen. Solche entstehen regelmäßig auch bei Margarete Barthelmes und ihrer Tochter Anna Faul – allerdings bringt dieses Duo bei seinen kollektiven Aktivitäten gleichzeitig eine Halle zum Beben und knapp 300 Kinder auf Trab. Denn die beiden Pädagoginnen haben sich einer ganz besonderen Gemeinschaftsaktion verschrieben: Sie sind Initiatorinnen, Leiterinnen und Motor der Sporttheater- beziehungsweise Tanzgruppen am Gymnasium Kirchseeon.

Die Ursprünge des Ganzen reichen zurück ins Jahr 1997, als Margarete Barthelmes, damals Lehrerin am Grafinger Gymnasium, für dessen 50-Jahr-Feier eine Show auf die Beine stellte, die drei Sparten vereinigte: Musik, Theater und die neu gegründete Bewegungstheatergruppe. „Ich war erst in der vierten Klasse, wusste aber schon genau: Da muss ich hin!“, sagt Anna Faul und lächelt. Wenige Jahre später, mit 14, war sie es, die der Mutter im Frankreich-Urlaub Tipps gab für die Gestaltung einer neuen Aufführung. Damit war die Zusammenarbeit besiegelt, von der die Schulfamilie des Gymnasiums Kirchseeon nun seit 2008 profitiert. Doch was genau ist dieses Sporttheater? Und was gibt es bei den Tanztheater-Shows zu sehen, die dem „GymKi“ in der Kategorie „Künstlerischer Tanz“ (von Hip-Hop bis Contemporary) und zuletzt auf Anhieb mit der neu gegründeten Rock´n Roll-Truppe auch im Bereich „Gesellschaftstanz" reichlich Medaillen auf Bezirks-, Landes- und Bundesebene sowie seit 2024 das Prädikat "Stützpunktschule Tanz“ eingebracht haben? Hinter allem steht der Grundgedanke eines Angebots, das nicht nur Freude an Bewegung vermitteln, sondern den Teilnehmenden auch die Chance geben will, sich selbst auf ganz andere Weise zu erleben und nach außen zu präsentieren, als das im normalen Schulalltag der Fall ist. Ob Akrobatik, Turnen, Jonglage mit Tüchern, Bällen, Ringen oder Keulen, Einrad fahren, Kugellauf, Rola Bola oder Diabolo - "bei uns findet jeder seine Nische“, erklärt Margarete Barthelmes nicht ohne Stolz. Verbunden werden die unterschiedlichen Elemente durch eine Rahmenhandlung mit Dialogen und Schauspieleinlagen, zuweilen autobiografisch inspiriert. Wie 2019, als Anna Faul von einer Indonesienreise mit den Eindrücken der verschmutzten Meere zurückkam und daraus das Umwelt-Stück „Countdown - die Erde ist angezählt“ entstand.
Bei den jeweils am Schuljahresende stattfindenden Aufführungen, die allen Interessierten offenstehen, präsentieren sich sowohl die Mitglieder des Sporttheaters als auch die Tanzgruppen. Wobei letztere durch ihre Leistungen bei zahlreichen Wettbewerben und Gastauftritten das Gymnasium Kirchseeon weit über die Landkreisgrenzen bekannt machten. Zu verdanken ist die Gründung dieser Sparte Anna Fauls Faible fürs Tanzen - noch heute ist die Sport- und Deutschlehrerin in ihrer Freizeit Teil einer Hip-Hop-Formation. Doch ihre Leidenschaft, wie auch die ihrer im Hobby steptanzenden Mutter geht noch ein Stück weiter. „Was wir tun, ist nicht Teil des Jobs, sondern Teil unserer Identität“, lautet die Begründung für ihr Engagement - obwohl die eine sich aktuell in Elternzeit befindet und die andere längst pensioniert ist. Was sie antreibt? Ein Faktor ist sicher die konstante Beliebtheit dieses Bewegungsangebots als AG oder Wahlunterricht bei Schülerinnen und Schülern. Nicht wenige haben sich nach eigenem Bekunden vor allem aufgrund dieses speziellen Angebots für das Gymnasium Kirchseeon entschieden. Und wiewohl es in der Mittelstufe eine „natürliche Fluktuation“ gäbe, unterstützen einzelne noch Jahre nach ihrem Schulabschluss das Team bei den Probenwochenenden. Diese Anhänglichkeit läge vielleicht auch daran, „dass alle die, die zu uns kommen, ein bisschen etwas von einem Paradiesvogel haben. Hier müssen sie sich nicht verstellen, dürfen einfach so sein, wie sie sind“, sagt Anna Faul. „Was nicht bedeutet“, ruft Mutter Barthelmes mit einem Augenzwinkern, „dass es bei uns keine Disziplin gibt.“ Dafür sorge sie schon, meint die Frau mit dem offiziellen Spitznamen „Commander“. Ebenfalls motivierend: die Entwicklung der jungen Menschen zu beobachten – teilweise unterstützten die Älteren das Tanztraining der Jüngeren oder übernähmen es sogar; manche konzipierten inzwischen komplette Choreographien in Eigenregie. Letztendlich ist es sicher auch das tiefe Vertrauen zwischen Mutter und Tochter, was diese Zusammenarbeit so besonders macht. „Wir verstehen uns blind“, bekräftigen sie. Und selbst wenn sie nicht immer einer Meinung seien, betrachteten sie den Input aus verschiedenen Generationen – angefangen von der Musikauswahl - vor allem als eins: bereichernd. Klare Zuständigkeiten schaffen einen Rahmen. „Anna ist für die technischen Details plus Musikschnitt, Plakat und Print zuständig“, so Margarete Barthelmes. Sie selbst kümmere sich um Requisitenbau, Kostüme und organisatorischen „Kleinkram“. Gemeinsam entwickle, erweitere und verbessere man Ideen und Texte. Auch Logistik und Gesamtleitung verantworte man zusammen. Wie es weitergehen wird? In unmittelbarer Zukunft sicherlich mit vielen weiteren gemeinsam in der Turnhalle verbrachten Stunden. Und perspektivisch? Nun, Anna Faul hat zwei Töchter…

Text: Michaela Pelz i.A. des Marktes Kirchseeon
Foto: Jarmila Hajek